Tigerenten leben gefährlich

Ein Wort zum neuen Blog des Nachwuchs – von einem „alten Hasen“

von  Frank Krings, PR Frankfurter Buchmesse
Foto: Rechte vorbehalten von laura_h_knight

Es ist immer etwas peinlich, wenn sich Ältere über den Nachwuchs äußern. Ich versuche das mal zu umgehen, indem ich weder zu pathetisch, meckerig oder fordernd formuliere. Am besten ich nehme einfach mal die Perspektive aus meinem Berufsalltag ein: Den Branchennachwuchs habe ich bisher nur als Praktikanten der Buchmesse, Teilnehmer von Branchen-Konferenzen oder einfach im Social Web kennengelernt. Und da sowohl mein persönliches wie berufliches Interesse die Zukunft der Branche ist, verbinde ich mit der Jugend auch (jetzt doch Pathos!) gewisse Hoffnungen.

So in etwa wie: Hey, die sind schon voll digital sozialisiert, die hängen nicht so an tradierten Geschäftsmodellen… Aber das ist natürlich Quatsch: Die digitale Kluft geht auch quer durch jüngere Generationen. Ich hatte zB einmal vor einem Seminar von Irgendwas-mit-Büchern-Studenten referiert, in dem nicht ein Einziger auch nur eine Ahnung von Ebooks, digitalem Publizieren oder den Sinn von Apps hatte. Dafür hatte jeder von ihnen ein Bekenntnis zur “Liebe zum Buch” (nur das Papierbuch natürlich) auf den Lippen und eine Berufsvorstellung, die mit “kitschig” noch freundlich umschrieben ist. Mich erinnerte diese (zu 99% weibliche) Gruppe an Studentinnen, die wir in den 90ern die “Tigerenten-Fraktion” nannten: Brav, das Gegebene hinnehmend und mit einer romantisch-kindlichen Haltung zum Studien-Objekt.

Aber Tigerenten leben in Zeiten radikalen Wandels gefährlich. Umgekehrt lerne ich zB in Facebook-Gruppen und Blogs einen unruhigen, mit den Füßen scharrenden Nachwuchs kennen, der endlich loslegen will…mit der Zukunft: Ein eigenes Startup dank Business Angels, Marketing via Social Reading, Mangas im Streaming-Verkauf – let’s go! Letzeres wollen natürlich auch viele “alte Hasen”, welche die Digitalisierung nicht passiv erdulden sondern lieber selbst gestalten. Und zwar ganz vorne, wo einem die Gischt des Fortschritts ins Gesicht spritzt und es unbequem ist.

A propos unbequem: Für den Nachwuchs einer Branche, auf der kein Stein auf dem anderen bleibt, ist die heutige Lage sowohl schwer wie leicht. Sie ist schwer, weil jeder berufliche Nachwuchs in die vorgegebenen Strukturen hinein-gebildet, ausgebildet wird. Die Jugend soll sich in den Lehrjahren also an Zustände anpassen, die in wenigen Jahren sowieso obsolet sind. Das muss unglaublich nerven. Andererseits hat es der Nachwuchs leicht, sich ohne  Sentimentalitäten und alte Sicherheiten für komplett neue Berufsfelder zu profilieren. Ich namedroppe mal ein wenig: Crossmediale Rechtehändler, Project Manager für Buch-Apps, Community Manager, Gamification-Experten für Lernbücher, Designer immersiver Erlebniswelten in Buchläden und und und. (btw: Vielleicht entsteht hier mal ein Blogpost über alle denkbaren neuen Berufsbilder der Branche?)

Um sich die Jobs der Zukunft vorzustellen hilft es, weniger auf die Buchbranche selbst sondern mehr auf die eigenen Gewohnheiten mit anderen Medien zu achten: Warum finde ich es super, wenn ein Musiker ein kostenloses Mixtape vor seinem “richtigen” Album veröffentlicht? Warum sind mir Kunden-Rezensionen lieber als Tipps des Unternehmens? Und warum nehme ich beim Online-Kauf immer den bequemen Weg und steige bei komplizierten Web-Shops sofort aus? All diese Fragen sind relevant, denn auch eure zukünftigen Kunden werden sie sich stellen. Eure Ebooks konkurrieren dann mit Angry Birds, wie Sascha Lobo schon prophezeite.  Und deswegen sollte der Nachwuchs (ui, ich fordere doch!) alles innerhalb der Buchbranche in Frage stellen. Alles.

Frank Krings macht was im Social Web für die Frankfurter Buchmesse. War als freier Journalist u.a. für den Hochschulanzeiger der FAZ tätig. Studierte Soziologie mit Fokus auf Popkultur und Internet in Münster. Gebürtiger Rheinländer.

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3 Gedanken zu “Tigerenten leben gefährlich

  1. Pingback: “Tigerenten leben gefährlich”: Ein neues Blog für den Nachwuchs : πάντα ῥεῖ – Alles fließt.

  2. Irgendwie hat das mit dem Trackback nicht geklappt, daher verlinke ich mal hier manuell: http://www.alles-fliesst.com/tigerenten-leben-gefahrlich-ein-neues-blog-fur-den-nachwuchs/

    Und gebe meinen Senf nochmal gesondert, weil reines Linkposten ja schlechter Stil ist. Eine Liebhaber-Kaste, die ich eher „Kinderbuchlektorinnenkaste“ nenne, ist nicht zu verleugnen, und die macht den Markt kaputt, weil ihre Angehörigen bereit sind, Volontariate für 600-1000€ zu machen und Praktika für lau. Hauptsache den eigenen Idealismus verwirklichen. Aber vielleicht ist das ja auch eine Stärke der Branche, dass sie das nutzen kann. Die mangelnde Zukunftsfähigkeit dieses Ansatzes hast du ja angedeutet, Frank; denn Nachwuchs, der die von dir genannten Positionen bekleiden könnte, wandert dann ab zu Branchen, die mehr zahlen. Just my two cents.

    BTW: Ich liebe lesen, und Totholzmedien sind auch ganz okay.

    • Danke, fürs Rebloggen und Kommentieren, Dennis! Das „Liebhabertum“ die Verdienstmöglichkeiten unten hält, ist ein interessanter Aspekt. Niedrige Einkommen in der Branche wurden bisher imho unter dem Frauen-verdienen-weniger-als-Männer-Aspekt diskutiert. Aber ich kenne zu wenig die internen Strukturen um das wirklich beurteilen zu können. Allerdings bin ich mir sicher, dass die Buchbranche neue Workflows und Jobprofile integrieren muss um zukunftsfähig zu bleiben. Neben den Bücherliebhabern sind das eben auch „Startupper“ und eher digital sozialisierte Menschen. Diesen Trend sehe ich übrigens auch bei uns, bei der Frankfurter Buchmesse selbst. Wir haben immer mehr Quereinsteiger aus anderen Branchen.

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