Bericht von der AKEP Jahrestagung 2011 – Das eintönige Echo des Internet

Keynote: Prof. Dr. Miriam Meckel (Universität St. Gallen): Total Recall. Wie das Internet unser Denken verändert

Prof. Dr. Miriam Meckel, Medienwissenschaftlerin

Prof. Dr. Miriam Meckel, Medienwissenschaftlerin

Über den Titel stellt die Medienwissen­schaftlerin Prof. Dr. Miriam Meckel ihre Keynote neben den Schwarzenegger Film „Total Recall“. Im Film kann man sich von einer Firma fremde Erinnerungen einpflanzen lassen. Meckels These ist, die aktuellen Entwicklungen des Internets verhalten sich ähnlich. In der Keynote der Jahrestagung AKEP 2011 stellt die Wissenschaftlerin auf unterhaltsame Weise die Frage, „Wie das Internet unser Denken verändert“ und präsentiert die These, dass wir durch die Algorithmen des Internets nur noch das zu sehen bekommen, was wir ohnehin schon kennen. Das Internet übernimmt die Rolle der Firma im Schwarzenegger Film. Die fremden Erinnerungen werden ersetzt durch fremde Empfehlungen.

Die „nicht-like-bare“ Facebook-Geburtstagstorte

Den Einstieg aber suchte Meckel über eine Facebook-Geburtstagstorte, die sie für einen Freund „liken“ wollte, aber aus technischen Gründen nicht konnte. Liken ist in dem sozialen Netzwerk Facebook eine wichtige Komponente: man klickt auf den facebookeigenen Daumen-Hoch-Button und schon drückt man zugleich für alle sichtbar seine Zuneigung aus. Kritiker sagen, es sei die leichteste Form der Zuneigung. Für Meckel zeigt sich im „nicht-liken-können“ eine Grenze. Man bekomme vorgeschrieben, was man mögen darf und was nicht. Viel brisanter ist jedoch, was man überhaupt noch zu sehen bekommt.

Denn Facebook, Google, Amazon und andere Internet-Unternehmen setzen Rechenmodelle ein, die auf Basis der besuchten Seiten für jeden Nutzer individuell eine Prognose erstellen, was er mag und was nicht. Auf diese Weise entsteht ein Echo der eigenen Vorlieben. So wie man in das Internet hinein ruft, so schallt es auch wieder heraus. Diesen Gedanken hat der amerikanische Autor und Journalist Eli Pariser in dem Buch „Filter Bubble“ eindrücklich ausgebreitet. Meckel bezieht sich mehrmals direkt darauf.

Das Echo der eigenen Vorlieben ist der „Kumpel der Faulheit“

Jeder, der sich im Internet bewegt, kennt Beispiele dafür. Wenn zum Beispiel bei Amazon mehr oder weniger passende Bücher oder im iTunes Store Musik vorgeschlagen werden. Auch für Bekanntschaften, Restaurants oder zum Ausgehen werden ebenfalls solche Vorentscheidungen getroffen. Diese Vorentscheidungen durch den Algorithmus bezeichnet Meckel als Kumpel der Faulheit. Dies sei eine Gefahr. „Der Trichter wird immer enger gezogen und er basiert darauf, was der Algorithmus, die Technik, für uns vorherbestimmt hat.“

Positiv ist: Diese Vorherbestimmung – Meckel benutzt das Fachwort Determination – macht die Entscheidungsspielräume für die Menschen kleiner und verringert somit die Überforderungssituation. Kritisch ist: Dieser Komfort wird bezahlt mit dem Unwissen darüber, welche Daten für die Vorschläge erhoben und wie sie gewichtet werden. Außerdem hat der einzelne Nutzer keinen Einblick, welche Inhalte vom Algorithmus aussortiert wurden und die er darum nie zu Gesicht bekommt.

Von der Wichtigkeit des Zufalls

Meckel plädiert dafür, den Zufall wieder stark zu machen. Es sei der Zufall, der einen Blick über den Tellerrand der eigenen Vorlieben werfe. Er stecke aber nicht im Computer. Der Computer als Rechenmaschine kann Zufall bestenfalls berechnen, nicht aber herstellen: Er liefert bei gleicher Eingabe und gleichen Startbedingungen immer dasselbe Ergebnis. Meckel warnt darum auch vor der neuen Geräteklasse der Tablet-Computer, die durch Apples iPad etabliert wurden. „Das iPad ist eine Guided Tour durch das Internet“. Dies sei ein weiterer Schritt dahin, dem Internet unkritisch als reiner Konsument zu begegnen. Ein Negativbeispiel seien „Demand Media“. Dabei handelt es sich um Artikel, die mit dem Ziel geschrieben werden, möglichst viele Klicks zu bekommen und so über Werbung Geld zu verdienen. Meckel kritisiert: „So entsteht ein gleichförmiger Fluss von Mainstreaminhalten“.

Leider klammert die Wissenschaftlerin in ihrem Vortrag jene Impulse aus, die aus der „realen Welt“ von „echten“ Menschen ins Internet gelangen. Ein Hinweis von einem Freund oder der Link einer Bekannten zum Beispiel. Diese wären sicherlich dazu geeignet, den Zufall auch in den Algorithmen zu etablieren, da sie die Elemente der Berechnung verändern.

Insgesamt ist die Warnung der Medienwissenschaftlerin nicht von der Hand zu weisen. Vor allem da sie das stichhaltige Diktum des Medienwissenschaftlers Marshall McLuhan, „das Medium ist die Botschaft“, auf das Internet anwendet. Die Furcht allerdings, alleine die Algorithmen könnten schon den Zufall ausschalten, scheint überzogen. Zum Medium Internet gehören die Menschen und ihre Inhalte einfach dazu. Ihre Eingaben können den Zufall genauso einbringen, wie eine persönliche Begegnung auf der Straße. Darüber hinaus halten sich Menschen schon seit je in konsistenten Gruppen auf und lesen jene Medien, die die Inhalte liefern, nach denen sie Sehnsucht haben – reduzieren also auch im „echten“ Leben den Zufall.

Was könnte man als Buchbranche daraus lernen? Vielleicht dass man das Internet aktiv mitgestalten und nicht sich selbst oder den großen Unternehmen überlassen sollte. Aus der Sicht der Internet sind Verlage, Buchhandlungen und Autoren nichts weiter als vielbeachtete Nutzer.

von Bastian Buchtaleck

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