Ein Besuch in der Redaktion der Bild-Zeitung

Zwischen Hochglanzfassade und Hochsicherheitstrakt

Die Exkursionen zu Berliner Medienunternehmen sind ein fester Bestandteil des Nachwuchsparlaments auf den Buchtagen Berlin. In diesem Jahr standen die Exkursionen unter dem Motto „Innovation“. So war eine 24-köpfige Gruppe des Nachwuchses zu Besuch bei der Redaktion der Bild-Zeitung und erhielt – nicht nur – einen Einblick in deren Multichannel-Konzept.

Text und Fotos von: Dominique Conrad

Exkursion zur Axel Springer AG in Berlin

Vorbei am Checkpoint Charlie und der taz gelangt man auf der Rudi-Dutschke-Straße vor das imposante Gebäude der Axel Springer AG. Zwanzig spiegelverglaste Stockwerke ragen in den heute grau verhangenen Berliner Himmel. In der Empfangshalle begrüßen uns adrett gekleidete Damen im Kostüm. Kurz möchte man meinen, sich verlaufen zu haben und statt bei Springer auf dem Flughafen Berlin-Tegel gelandet zu sein. Denn zunächst müssen alle Exkursionsteilnehmer Personalausweis oder Führerschein vorlegen, erst dann gibt es einen Besucherausweis. Doch damit nicht genug. Handtaschen sowie der Inhalt von Hosentaschen werden in eine Plastikwanne gelegt und vom Sicherheitspersonal durchleuchtet. Der über diese Maßnahmen halb erstaunte, halb belustigte Nachwuchs muss als letzte Hürde noch den Gang durch den Metalldetektor bestehen. Hier zeigt sich, dass die Axel Springer AG nicht nur Fans hat, und das weiß man dort auch. Nach einer guten Viertelstunde haben alle die Sicherheitskontrollen passiert und wir werden von Andreas Winiarski, Mitglied der Bild-Chefredaktion, abgeholt.

 Keine Trennung zwischen Print und Online

Der Nachwuchs im „Roten Salon“

Unsere Besuchergruppe schiebt sich in die Aufzüge. Es geht in die sechste Etage. Der Paternosteraufzug im Axel-Springer-Haus darf nur von Betriebsangehörigen genutzt werden. Oben angelangt werden wir durch einen schmalen, nüchternen Gang in den „Roten Salon“ geführt, der seinen Namen wohl dem roten Teppichboden verdankt. In vielen Unternehmen würde man jetzt auf Stühlen um einen großen Konferenztisch platziert werden. Nicht so hier – bei Axel Springer darf es schon eine Spur exklusiver sein. Die jungen Buchmenschen nehmen auf einer weitläufigen cremeweißen Ledersitzlandschaft Platz. An den Wänden befinden sich einige Bücherregale sowie ein Flachbildschirm. Durch die Fensterfront blickt man auf den Gebäudekomplex des Springerhauses samt Dachgarten. Dahinter steigt gerade der Aussichtsballon Berlin HiFlyer auf, der einen Werbeaufdruck der „Welt“ trägt.

Die Welt gehört ebenso zur Axel Springer AG wie die Hörzu, Berliner Morgenpost, Hamburger Abendblatt, Bild der Frau, Rolling Stone, Computer und Auto Bild sowie zahlreiche Online-Portale. Man legt Wert darauf, dass Axel Springer nicht nur auf die Bild-Zeitung reduziert wird. Tatsächlich ist der Medienkonzern auch international tätig. Unser Gastgeber Winiarski fasst den Überblick über die Verlagsgeschichte kurz und kommt zügig zur Bild-Zeitung. Man muss kein Freund des Boulevardblatts sein, um anzuerkennen, dass die Bild mit über 2,6 Millionen zahlenden Lesern täglich, die meistverkaufte Tageszeitung Deutschlands ist. Doch auch hier schrumpft die gedruckte Auflage zugunsten des Online-Auftritts bild.de, den es in der heutigen Form seit 2007 gibt. Bei der Bild trenne man nicht mehr zwischen Print und Online, vielmehr gehe es um den Inhalt, so Winiarski. Und diesen Content versucht man nun als App an den Leser zu bringen; zurzeit liegen die Abonnementzahlen im sechsstelligen Bereich. Die jungen Buchmenschen haben aber auch einige kritische Fragen im Gepäck, zum Beispiel, ob man bei der Arbeit in der Bild-Redaktion manchmal moralische Bedenken habe. Die Fragen werden souverän und offen beantwortet, wenngleich die Antwort nicht immer den Kern der Frage trifft. Es wird deutlich, dass sich die Bild als journalistische Qualitätszeitung sieht, deren Markenkennzeichen es ist, zu informieren, aber ebenso zu unterhalten und zu polarisieren. Da wundert es nicht, dass die Axel Springer AG mehr als ein Dutzend Juristen beschäftigt.

Im Hauptquartier der Bild-Zeitung

Im Newsroom der Bildzeitung kurz vor Redaktionsschluss

Nach diesem theoretischen Teil verlassen wir den Roten Salon wieder und fahren in die sechzehnte Etage. Hier befindet sich der Newsroom, das Hauptquartier der Bild-Chefredaktion. Unsere Gruppe muss noch einen Moment vor der Tür warten, weil Chefredakteur Kai Diekmann gerade eine Gruppe von Anzugträgern herumführt. So bleibt Zeit, einen genaueren Blick auf das Wandplakat im Flur zu werfen, welches das Jubiläums-Motiv zum 60. Geburtstag der Bild-Zeitung ziert: Donald Duck mit Bild-Zeitung vor dem Axel-Springer-Haus. Nun dürfen auch die Nachwüchsler in den Newsroom. In dem Großraumbüro arbeiten geschätzt vierzig Personen, vom Redakteur bis zum Grafiker. Die Schreibtische im vorderen Bereich bilden ein großes U, während die weiter hinten in Reihen angeordnet sind. Einige Arbeitsplätze sind mit einem roten Schild mit Nummer markiert; die Nummer steht für die jeweilige Seite, die dort erstellt wird. Überall stehen Bildschirme auf den Schreibtischen oder hängen von der Decke, liegen Farbausdrucke der Zeitung von morgen im DIN-A3-Format herum. Es ist inzwischen kurz nach 19 Uhr. Nur noch eine halbe Stunde bis Redaktionsschluss; dennoch geht es im Newsroom nicht hektisch zu. Die Atmosphäre ist zwar geschäftig, aber konzentriert. Einen Nine-to-Five-Job kennt man hier nicht. Der Newsroom ist nur zwischen Mitternacht und sechs Uhr morgens nicht besetzt, bei wichtigen Ereignissen wird jedoch auch in dieser Zeit dort gearbeitet.

Ein Blick auf die Mitarbeiter lässt keinen Dresscode erkennen, stattdessen sieht man Baseballcap und Sweatshirt ebenso wie Jeans im Destroyed-Look oder eine extravagante Elvis-Presley-Gedächtnisfrisur. Wichtig sei, dass man wirklich Lust habe hier zu arbeiten und sich mit der Marke identifizieren könne, erklärt unser Gastgeber. Dass wir inzwischen die zweite Besuchergruppe in der Redaktion sind, scheint nicht ganz gelegen zu kommen. Wir sammeln uns im hinteren Teil der Redaktion, um den gedämpften Erklärungen von Andreas Winiarski zu folgen. Noch schnell ein paar Fotos, aber möglichst unauffällig, um die Mitarbeiter nicht zu stören, ehe unser Besuch im Newsroom beendet ist.

Bleibt festzuhalten, dass die Bild eine Welt für sich ist. Umso spannender war es, einen Blick in diese Welt zu werfen. Auf jeden Fall hat der Besuch dabei geholfen, sich eine Meinung über die Bild zu bilden.

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Ein Gedanke zu “Ein Besuch in der Redaktion der Bild-Zeitung

  1. Der Besuch war mein persönliches Highlight während den Buchtagen!
    Ich war erstaunt wie offen doch Andreas Winiarski über Bild sprach. Man konnte auf jeden Fall einiges davon mitnehmen!

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